„Mein Russland“ in der ARD

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© Jeanne Degraa
Palina Rojinski berichtet vor und während der Fußball-Weltmeisterschaft aus Russland. Mit sechs Jahren verließ sie ihre Heimat St. Petersburg. Doch ihre Seele fühlt immer noch russisch.
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Sechs Wochen lang bereiste die gebürtige Russin ihr Heimatland. Dabei entstand eine leichte, angenehm unprätentiöse Reportage über den umstrittenen Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 2018.

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Sechs Jahre war Palina Rojinski alt, als sie mit ihrer Familie von St. Petersburg nach Berlin umzog. Daheim wurde weiter Russisch gesprochen - trotzdem wurde aus Palina ein westeuropäisches Großstadt-Girl. Doch was heißt das überhaupt? Und was an ihr ist spezifisch russisch? Kurz vor Anpfiff der Fußball-Weltmeisterschaft reiste die 33-jährige Moderatorin, Schauspielerin und Szene-Aktivistin für den vierteiligen Film „Mein Russland“ (ab Samstag, 26.05., 19 Uhr, ARD) durch ihre alte Heimat. Elf WM-Städte besuchte das Reportage-Duo Rojinski und Udo Lilischkies, seines Zeichens ARD-Korrespondent in Moskau und mit einer Russin verheiratet. Im Gespräch verrät Palina Rojinski, was die russische Seele ausmacht, wie sie Stimmung im Lande tatsächlich empfand und warum die Deutschen oft ungerechte Urteile über Russland und seine Menschen fällen.

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nordbuzz: Die Vorfreude auf eine WM in Russland scheint zumindest in Deutschland begrenzt. Herrscht denn so etwas wie Euphorie in Russland?

Palina Rojinski: Manche sagen, das sich die Vorfreude in Russland in Grenzen hielte. Selbst wenn die Leute vom eigenen Nationalteam nicht viel erwarten - ich habe die Stimmung anders erlebt. Bei den Menschen, die wir trafen, herrschte große Freude. Man ist glücklich, dass die Welt endlich mal nach Russland kommt und nicht umgekehrt. In Russland fühlt man sich traditionell ein bisschen außen vor. Obwohl man zu Europa gehört, wollen die anderen nicht so viel von einem wissen. Russland ist für viele Deutsche und Europäer sehr weit weg. Jetzt können die Russen beweisen, dass es anders ist.

nordbuzz: Für „Mein Russland“ waren Sie sechs Wochen im Land und allen WM-Städten unterwegs. War es eine Expertenreise oder eher ein Trip des Staunens?

Palina Rojinski: Eher letzteres. Ich spreche zwar gut Russisch und kenne St. Petersburg sehr gut, weil meine Familie dort lebt. Ich war allerdings noch nie so tief in Russland wie für diese Reportage. Es waren zwölf Städte in sechs Wochen, die wir bereisten. Man vergisst, wie groß das Land ist - und wie verschieden.

nordbuzz: Welche unterschiedlichen Mentalitäten haben Sie kennengelernt?

Palina Rojinski: Ich bin vielleicht nicht ganz objektiv, weil ich aus St.Petersburg stamme. Wir denken, dass unser Russisch feiner und das der Moskauer Gossensprache ist (lacht). Außerdem sind die Leute in Moskau eher kühl, während wir in St. Petersburg natürlich emphatische Hochkultur darstellen. Hier und da ist das natürlich auch etwas dünkelhaft. Nach dem Motto: „Hier in dieser Straße wohnte Dostojewski - und hier Puschkin“. St.Petersburger gehen ins Theater und natürlich ins Ballett. Wenn man kein Instrument spielt, gilt man schon als halber Prolet. Bei uns gelten Moskauer als kulturlose Gesellen. Die beiden Städte batteln ziemlich darum, welche die bessere ist.

nordbuzz: Die anderen Städte waren also neu für Sie?

Palina Rojinski: Ja, absolut. Mir hat Kazan sehr gut gefallen. Eine wunderschöne, spannende Stadt. Es ist die Hauptstadt der Republik Tatarstan, viele Menschen dort sprechen auch Tatarisch. In Kazan leben verschiedenste Religionen seit Jahrhunderten friedlich zusammen. Die Moschee steht direkt neben der russisch-orthodoxen Kirche. Der Iman und der Pope tauschen sich aus, und es gab eigentlich nie große Probleme. Viele in Kazan leben in religiösen Mischehen. Auf Volksfesten gibt es Wettbewerbe im Gewichtheben, und bei einem traditionellen Spiel habe ich einen Hahn gefangen. Die Stadt liegt 800 Kilometer östlich von Moskau, das merkt man. Es ist eine andere Welt.

nordbuzz: Wie politisch sind Ihre Reportagen?

Palina Rojinski: Politik sollte nicht im Vordergrund stehen. Wir wollten das Land über die Verschiedenheit seiner Bewohner erklären. Die Reise ist wie ein Puzzle, bei dem sich aus dem Besuch vieler Städte und Menschen im günstigen Fall ein Bild ergibt. Trotzdem sprechen wir auch politische Themen an: Wir sind an einem Moskauer Mahnmal für einen ermordeten Dissidenten, das ständig von den Offiziellen geräumt wird. Mutige Leute halten dort Mahnwachen. Und wir besuchen die Vorstellung eines freien, kritischen Theaters, das mit seinen Räumlichkeiten gefühlt jeden Monat umziehen muss.

nordbuzz: Wie frei konnten Sie aus Russland berichten?

Palina Rojinski: Alle Drehs waren angemeldet, anders wäre es nicht gegangen. Und man fühlt sich schon auch ein wenig beobachtet. Ich kann nicht genau sagen, wie das ablief, aber ich hatte das Gefühl, dass man genau schaute, was das deutsche Fernsehen da filmt. Andererseits finde ich die deutsche Berichterstattung über Russland auch sehr einseitig. Es geht immer nur um Putin und seine autoritäre Politik. Dass Russland aus vielen, spannenden, sehr unterschiedlichen Menschen besteht, die sich in ihrem Leben mitunter durchaus frei entfalten, darüber erfährt man wenig.

nordbuzz: Wie gut ist Ihr Russisch?

Palina Rojinski: So gut, dass die Russen denken, ich wäre von dort. Meine Gesprächspartner wunderten sich, dass ich seit meinem sechsten Lebensjahr in Berlin lebe. Mit meinen Eltern sprach ich immer Russisch. Es reichte offenbar, damit sich meine Muttersprache normal weiterentwickeln konnte.

nordbuzz: Reisen Sie - abseits dieser WM-Reportagen - regelmäßig nach Russland?

Palina Rojinski: Ja, mindestens einmal im Jahr. Meine Omi lebt noch in St.Petersburg. Auch mein Onkel, meine Cousins und Cousinen. Es ist immer sehr schön, dorthin zurückzukommen. Ich brauche das auch. Meine russische Seele braucht das.

nordbuzz: Woraus besteht diese russische Seele?

Palina Rojinski: Ich werde oft danach gefragt, gerade jetzt. Leider fällt mir keine richtige Antwort ein. Man kann die Seele nicht fotografieren. Deshalb weiß ich nicht, wie sie aussieht. Es ist ein Gefühl, vielleicht ein Lebensgefühl. Ein Merkmal von Russen ist ihr Zusammenhalt. Es ist selbstverständlich, dass man sich gegenseitig immer hilft und sich aufeinander verlassen kann.

nordbuzz: Wie zeigt sich das im Alltag?

Palina Rojinski: Ach, an vielen kleinen Dingen, Sitten und Gebräuchen. Man holt sich vom Flughafen ab, bringt Freunde dorthin und so weiter. Dass sich jemand, der irgendwo ankommt, ein Taxi nimmt, so wie in Deutschland, das wäre für einen Russen völlig unverständlich. Gastfreundschaft und Kümmern ist oberste Russenpflicht. Auch die hohe Achtung vor dem Alter ist etwas typisch Russisches.

nordbuzz: Wie intensiv ist Ihr WM-Engagement?

Palina Rojinski: Während des WM-Turniers werde ich wieder vor Ort in Moskau sein. Dort werde ich Reportagen über Land und Leute drehen. Filme über verrückte, für uns teilweise schwer verständliche Gebräuche. Thema ist alles - außer Fußball, denke ich.

nordbuzz: An welche Reportagen denken Sie? Gibt es etwas typisch Russisches, das Sie den Deutschen nahebringen wollen?

Palina Rojinski: Ich möchte auf jeden Fall mal ein echtes russisches Fest filmen. Also eines, das zu Hause stattfindet. Ein Geburtstag oder eine Hochzeit zum Beispiel. Das wäre toll, denn man kann den Russen beim Feiern tief in die Seele schauen. Feste sind bei Russen immer episch. Sie gehen viele Stunden lang, irgendwann wird die Gitarre ausgepackt und gesungen. Zum Essen gibt es immer viel zu viel - von allem. In Russland bedeuten drei Gänge, dass der ganze Tisch dreimal mit unterschiedlichsten Speisen vollgepackt wird, bis nirgendwo mehr Platz ist. Alles ist eine große Ekstase.

nordbuzz: Und sonst?

Palina Rojinski: Das Tanzen im Gorki-Park würde ich gerne mal im Film festhalten. Ansonsten planen wir viele freie, spontane Geschichten. Ich denke, so kommt man dem echten Leben am nächsten.

nordbuzz: Wie viele Beiträge planen Sie über die WM verteilt?

Palina Rojinski: Ein Dutzend oder auch ein paar mehr könnten es werden. Aber wie wollen uns nicht festlegen. Wir fangen erst mal an und sehen wie es läuft - und wie viele interessante Geschichten wir finden

nordbuzz: Werden Sie auch außerhalb Moskaus drehen?

Palina Rojinski: Geplant ist es nicht. Aber wir schauen mal, wie sich das vor Ort entwickelt.

nordbuzz: Wie ist Ihr Verhältnis zum Fußball?

Palina Rojinski: Ich bin kein Fußball-Experte. Deshalb kann ich wenig über Mannschaftsstärken oder Feinheiten der Regelkunde sagen. Ich finde es fast ein bisschen schade, dass man manchmal das Gefühl vermittelt bekommt, Fußball sei nichts für einen, wenn man nicht alle Regeln im Schlaf beherrscht. Manchmal habe ich das Gefühl, man müsse Fußball studiert haben, um sich heute ein Spiel anzugucken. Trotzdem schaue ich die WM und fiebere auch mit.

nordbuzz: Was also fesselt Sie am Fußball?

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Palina Rojinski: Die Tatsache, dass es abseits komplizierter Taktik und krasser körperlicher Fähigkeiten ein sehr einfaches Spiel ist. Über 90 Minuten versuchen zwei Mannschaften, den Ball in das Tor des Gegners hineinzuschießen. Diese an sich simple Tätigkeit begeistert Milliarden Menschen weltweit. Fußball schweißt sie zusammen, lässt große Gefühle aus ihnen herausbrechen und macht sie einfach lebendig. Das gemeinsame Zelebrieren der Einfachheit - die Freude, die Wut, die Trauer - das finde ich am Fußball total faszinierend.

teleschau

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